Corona-Virus: Was nehmen wir mit aus der Krise?

Es ist ein historischer Moment, den wir gerade erleben. Eine Tiefenkrise, in der alles in Frage gestellt wird. „Es ist wie im Krieg“, hört man die Menschen sagen. Instinktiv spüren wir, dass nichts mehr so werden wird wie zuvor. Auch in uns selbst wurde einiges aufgewühlt.

Ein Beitrag von Elsa Mittmannsgruber

Werbung



Wir haben gesehen, wozu Menschen, Regierungen und Systeme fähig sind und werden sicherlich noch viel mehr davon erfahren. Wir haben Seiten von uns selbst kennengelernt, die für uns neu waren. Wir haben andere Menschen mit anderen Augen gesehen. Wir haben Wissenschaft, Politik und Eliten noch kritischer hinterfragt. Wir haben erkannt, wie schnell uns sicher geglaubte Dinge genommen werden oder sich fixe Wertvorstellungen schlagartig ändern können. Dass Wahrnehmungen, Erwartungen und Gewohnheiten wandelbar sind. Wir können schon erahnen, was wirklich Bestand hat. Ein Neustart kündigt sich an und jeder trägt seinen Teil dazu bei, wie die Welt danach aussehen wird. Es zählt jede noch so kleine Denk- und Handlungsweise des Einzelnen, die in der Summe das Ganze bilden. Deshalb möchte ich zu einem Gedankenspiel einladen. Denken wir uns in die Zukunft. Überprüfen wir unsere Denk- und Handlungsweisen und überlegen, welche davon wir mitnehmen möchten. Wie soll die Welt aussehen? Wie soll unser Land und unser Leben aussehen? Was soll sich ändern? Im Großen und im Kleinen. Was brauchen wir? Was nicht? Denken wir dabei über den Tellerrand hinaus. So als wäre der Reset-Knopf der Erde gedrückt worden. Wir reisen in die Zukunft in die Welt 2.0. Dazu packen wir unsere Koffer und nehmen mit…

Natur

Das satte Grün, die zarten Knospen, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Bäume im Wind – viele entdecken die Natur gerade als den Seelenheiler schlechthin. Hier können wir durchatmen, einmal für uns sein, uns bewegen und unseren Körper spüren. Wo die eigenen vier Wände schon erdrückend eng werden, fühlen wir uns draußen frei. Menschen, die nie Spaziergänge machten oder Augen für unsere Wälder und Wiesen hatten, brauchen diese jetzt wie die Luft zum Atmen. Sie erkennen, wie viel Kraft uns die Natur gibt, was es dort alles zu sehen gibt. Wir nehmen mit, dass wir die Tiere und Pflanzen schützen, die Natur bewahren und behutsam mit ihr umgehen.

Familie

Ob Single, Partnerschaft, mit oder ohne Kinder: Ein jeder konnte oder musste nun in das Zuhause ungeschminkt reinspüren. Ist man mit dem Singleleben auch in raueren Zeiten zufrieden oder nur, wenn das von Wohlstand geschwängerte Leben über einsame Stunden hinwegtäuscht? Ist Unverbindlichkeit nach wie vor mehr wert als Vertrautheit? Ist man in seiner Partnerschaft glücklich? Gerade im Leben mit Kindern werden Beziehungen derzeit vor besondere Herausforderungen gestellt. Ein jeder der Partner bekommt etwas mehr Einblick in das Leben des anderen. Vor allem Männer in das Leben von Frauen, das sehr oft ein kräftezerrender Balance-Akt zwischen Haushalt, Kindern, der Pflege von Angehörigen und Beruf ist. Insbesondere jetzt, wo jegliche Unterstützung von außen wegfällt. Wir sehen, dass Home-Office nur begrenzt die Lösung für die Vereinbarkeitsfrage ist. Dass wir abhängig von externer Unterstützung sind, wenn beide erwerbstätig sein wollen oder müssen und wir können uns die Frage stellen, was wir lieber tun. Mehr bei den Kindern sein oder im Beruf. Dazu muss es aber ein Auskommen und keinerlei Benachteiligungen mehr für diejenigen geben, die auf die Erwerbsarbeit zugunsten der Familie verzichten. Gleichzeitig flexible, erschwingliche Betreuungsmöglichkeiten für Berufstätige, egal in welchem Stundenausmaß. Wir nehmen also mit, dass es echte Wahlfreiheit für Eltern geben soll. Dass Kinderkriegen und Familiensinn vom System nicht mehr bestraft wird. Im Gegenteil.

Gemeinschaft

In Zeiten wie diesen zeigt sich einmal mehr, wie wichtig Gemeinschaft ist. Sowohl im kleinen Umfeld wie Familie, Freunde, Nachbarn, als auch im großen eines Nationalstaats. Man meldet sich öfter beieinander, fragt, wie es geht, ob jemand Hilfe braucht. Zwar kommt in Krisenzeiten auch bei so manchen seine Rücksichtslosigkeit und Missgunst durch, wie etwa bei den Hamsterkäufen, den Supermarkt-Schlachten oder dem Denunziantentum. Aber im Großen und Ganzen spürt man, wie wichtig der Zusammenhalt ist. Wie wichtig das Wir-Gefühl für das Meistern solcher Situationen ist. Nicht nur, weil es emotionale Stabilität verleiht, sondern auch, weil in einer Krise, in der alle zusammenrücken und -helfen müssen, Egoisten besonders gefährlich für die Gemeinschaft sind. Wir nehmen also mit, dass wir das Wir-Gefühl innerhalb unserer Nation wiederaufbauen müssen. Es ist kein Verbrechen, die eigene Identität in der Heimat zu verwurzeln und sie damit zu stärken.

Regionalität

Es hat sich gezeigt, wie gefährlich maßloser Globalismus für uns sein kann. Wichtige Arbeitskräfte wie Erntehelfer oder Pflegekräfte fallen weg, es gibt Lieferengpässe von Produkten, die Versorgung gerät in Gefahr. Was für ein Lichtblick sind nun unsere regionalen Bauern und Handwerker. Sie geben uns Nahrung und Unabhängigkeit. Plötzlich sind uns ihre Produkte nicht mehr zu teuer, denn wir erkennen den Wert, der darin steckt. Wir entdecken auch, dass wir lieber weniger von etwas besitzen, das Qualität hat und wodurch wir unsere eigene Wirtschaft stärken, als zu viel von ausländischen Billigwaren. Wir nehmen mit, dass wir der skrupellosen Konsum- und Wegwerfgesellschaft entsagen und fair erzeugten, regionalen Produkten den Vorzug geben. Wir setzen dem Lohn- und Preisdumping etwas entgegen, da wir österreichische Unternehmen mit heimischen Arbeitskräften unterstützen. Von der Politik fordern wir, dies entsprechend zu fördern und mit einem gerechten Lohnsystem für alle finanzierbar zu machen.

Stille

Wir leben in ständiger Dauerbeschallung – Handy, Fernseher, Radio, Laptop, Musik, Gespräche. Stille ist für viele ein Fremdwort, aber auch ein Feind. Andere wünschen sich manchmal nichts lieber, als dass die Welt für sie einfach einmal stillsteht. Aber sie dreht sich weiter und weiter und es liegt an uns, hin und wieder aus dem Hamsterrad zu steigen. Wir brauchen Ruhe und Alleinsein, um unsere Gedanken zu ordnen. Sonst rächt sich die dauernde Reizüberflutung an unserer Gesundheit. Zurzeit sind einige gezwungen, langsamer und ruhiger zu werden und erkennen, dass es geht. Andere flüchten vom lärmenden Zuhause in den Wald. Wir nehmen mit, dass wir Stille brauchen und sie immer wieder suchen sollten, um zu uns selbst zu kommen, unserem Gehirn eine Pause zu gönnen.

Medien

Das Misstrauen gegenüber den Medien ist gerade allgegenwärtig. Es breitet sich aus wie das Virus. Wir spüren, wie intensiv uns die Medien beeinflussen. Durch einen Zugewinn an Zeit und Gelegenheit gelingt es uns, kritisch zu hinterfragen, Medienberichte zu vergleichen. Die unmittelbare eigene Betroffenheit spornt uns noch mehr dazu an. Wir erkennen, dass mediale Objektivität schwer zu finden ist und machen uns unser eigenes Bild. Wir schätzen den Wert, dass alternative Medien den Massenmedien etwas entgegensetzen. Wir nehmen mit, dass wir für uns jetzt wertvolle Medienprodukte auch weiterhin unterstützen, um sie zu bewahren.

Eigenverantwortung

Jahrzehntelang lebten wir in einer Friedenszeit. Je länger sie andauerte, desto mehr vernachlässigten wir Vorsorge, Selbstschutz, Unabhängigkeit, Eigenverantwortung, Handwerk, Naturheilkunde und altes Alltagswissen. Globalisierung und Technik nahmen uns vieles ab. In der Schnelllebigkeit fanden wir auch schlichtweg keine Zeit. Wenn aber plötzlich ein einschneidendes Ereignis passiert, laufen wir panisch und planlos in die Geschäfte, Banken oder zum Waffenhändler. Viele waren auf nichts vorbereitet, verließen sich blind auf das System. Das hat sich geändert. Szenarien wie Krieg oder Blackout werden einkalkuliert. Eigenanbau von Gemüse, nützliches Heil- und Handwerks-Wissen sowie Survival-Bücher haben Hochkonjunktur. Wir nehmen mit, dass wir blindes Vertrauen gegen Eigenverantwortlichkeit eintauschen. Es war immer natürlich, dass wir uns selbst versorgen und schützen können. Das soll es wieder vermehrt werden.

Neugierde

Langeweile ist eines der großen Themen zu Zeiten der Ausgangssperre. Um diese zu töten, flüchten sich viele in oberflächliche Ablenkungen: Fernsehen, Online-Shopping, Computerspielen, Gespräche übers Wetter, überflüssige Arbeit, Alkohol. Doch eine innere Leere bleibt. Gerade, wenn der Tod so allgegenwärtig ist, auch wenn er uns nur in kalten Zahlen präsentiert wird, schätzen wir mehr und mehr unsere Lebenszeit. Wir beginnen, neugierig zu werden. Auf uns selbst, unseren Partner, unsere Kinder, die Welt und ihre Geschichte. Wir sehen, welch großen Schatz sie verborgen hält und wie wenig wir darüber wissen. Wir entdecken eigene Talente, indem wir uns in diversen Künsten üben. Wir nehmen mit, dass wir unsere Zeit sinnvoller nutzen und unsere Seelen lieber mit dem Schönen und unsere Köpfe lieber mit Wissen speisen. Wir haben Mut zu Neuem und zu Tiefgang.

Dankbarkeit

Zu guter Letzt lernen wir wieder Dankbarkeit. Selbstverständlichkeiten werden in Zeiten der Unsicherheiten zu einem raren Gut. Wenn nichts mehr sicher ist, nichts planbar, werden wir demütiger. Wir sehen Dinge, die wir vorher übersehen haben. Haben Freude am vermeintlich Unwichtigen. Die Werte verlagern sich. Wir nutzen die Zeit, uns neu zu orientierten. Wir nehmen mit, was wirklich Bestand hat, wenn alles andere zerbricht. Entscheidet selbst.

+++

Jetzt GRATIS und UNVERBINDLICH „Wochenblick“-Druckausgaben lesen: Sichern Sie sich hier das dreiwöchige „Wochenblick“-Schnupperabo rechtzeitig!

+++

The post Corona-Virus: Was nehmen wir mit aus der Krise? appeared first on Wochenblick.

• Weiterlesen •